Lesendes Haus

Präambel

was brauchst du
was brauchst du? einen Baum ein Haus zu
ermessen wie groß wie klein das Leben als Mensch
wie groß wie klein wenn du aufblickst zur Krone
dich verlierst in grüner üppiger Schönheit
wie groß wie klein bedenkst du wie kurz
dein Leben vergleichst du es mit dem Leben der Bäume
du brauchst einen Baum du brauchst ein Haus
keines für dich allein nur einen Winkel ein Dach
zu sitzen zu denken zu schlafen zu träumen
zu schreiben zu schweigen zu sehen den Freund
die Gestirne das Gras die Blume den Himmel
Friederike Mayröcker

 

Wir, die Gründungsmitglieder des Europäischen Laboratoriums e.V., entwickeln seit 2019 in einem intensiven Diskussionsprozeß im Vorstand und Beirat sowie mit Vertretern der Schwalenberger Vereine, Initiatoren, Bürger und dem SOS Kinderdorf, mit Vertretern der Regionale, der Bezirksregierung und dem Bürgermeister und anderen, auch internationalen Vereinen Das Lesende Haus, das im denkmalgeschützten Renaissancebau von 1611 in der Brauergildestraße sein Quartier finden soll.

Die Gründung des Europäischen Laboratoriums und die Idee des Lesenden Hauses ist von einigen Einsichten inspiriert: (1) Wer Europa erfahren will, kann dies am besten über die Literatur, das Gespräch mit den verstorbenen Autoren und dem Gedankenaustausch mit den lebenden. (2) Das Labor ist eine Experimentierstube, der Laborant ein Arbeiter, mit einer besonderen Nähe zu Laben, Loben und Labsal. (3) So wie der Laborant mischt, probiert und Neues herstellt, so ist der Leser ein Sammler und Produzent, der im Lesen den Text erst herstellt. Das Lesen ist ein schöpferischer Akt und immer ein Anfang. (4) Unser Labor ist ein Lese-, Gesprächs- und Denkraum, ein Ort der Begegnung, in dem kollektiv und sich ständig fortentwickelnd, aufbauend und prozeßhaft, offen für Umwege, freudig gelesen, geforscht, gearbeitet, gespielt wird. Seine Bibliothek ist eine Living Library. (5) Lesen und denken stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang. Denken ist unabschließbar, führt nicht zu einem Ende, mündet in keine endgültigen Resultate. Es erfordert Mut zu Übertretung, immer neuen Anfängen und Entspezialisierung. „Das Denken führt zu keinem Wissen wie die Wissenschaften. Das Denken löst keine Welträtsel.“ (M. Heidegger) Hannah Arendt geht einen bedeutenden Schritt weiter, vom Wissen zum Gewissen. In seinem Zögern gleiche das Denken dem Gewissen. Ist also auch das Lesen eine Gestalt des Gewissens? (6) Das Lesende Haus verlangt eine Verschiebung des Aspekts: fort vom Produkt und seinem Konsum und seinem Unterhaltungspotential hin zur Herstellung, zur Schöpfung und zum Unerschöpflichen. Es strebt also nach Spiel und Prozeß – nach theatralen Formen, Performing, Geselligkeit, Gespräch, Re-Lektüren, Entkanonisierungen, Übersetzungswerkstätten, Arbeitsaufenthalten, Einführungen in Typographie, Graphik, Papier und Buchgestaltung, Einführungen in Verfilmung und Vertonung. (7) Besonders wertvoll für die Gründungsmitglieder des Europäischen Laboratoriums sind Sparsamkeit im Umgang mit den Mitteln und Aufmerksamkeit für kleine Größe und Unbedeutendes und Langsamkeit. (8) Das Europäische Laboratorium möchte das Gespräch zwischen Jung und Alt, Schwalenbergern und Gästen, Heimischen und Fremden, den Dialog zwischen der Kunst des Sehens und der Kunst des Beschreibens befördern und fühlt sich einem genauen Hinhören und einem langen Hinsehen verpflichtet, denn dann können Empathie, Euphorie und Enthusiasmus angeregt werden. (9) Das Europäische Laboratorium orientiert sich an der Fröhlichen Pädagogik Janusz Korczaks, an seiner Schutz und Lachen verbindenden Lehre, die es ihm erlaubte, den Ernst, die Bedächtigkeit und die Ausgeglichenheit von Kindern zu finden, ihre große Andersheit und Fremdheit, ihr Kapital an gerechten Ansichten und Urteilen, ihre taktvolle Zurückhaltung und ihr untrügliches Gefühl für das Richtige zu entdecken, zu achten und schließlich in politisch gefährlichen Zeiten zu verteidigen. (10) Wir wollen ein Programm entwickeln, das Lesen und Gespräch pflegt und das viele Kooperationen vorsieht, für Kinder und Jugendliche besondere Angebote bereithält. Vorbildlich ist dafür Simone Weils Begriff der Inspiration: Die Inspiration lehrt nicht, sondern macht den Gesprächspartner aufmerksam auf das, was er schon weiß, ohne es zu wissen. Die Inspiration weckt die im Anderen verborgene Möglichkeit.

Aus diesen zehn Punkten ergibt sich: Lesen bildet? Oder verhält es sich umgekehrt? Diejenigen, die lesen, bilden? Sie bilden den unerschöpflichen Stoff? Sie bilden und erfinden die Welt? Ruft nicht die Welt danach, erfunden zu werden?