Die Lesenden Künste

Mehrere Tage lang lesen in einem Buch erlaubt: Langsamkeit. Langsamkeit ist eine Methode, um der kleinen Elemente gewahr zu werden, des Nebensächlichen und der scheinbar unbedeutenden Nebenwege. Langsamkeit ist eine Form von Anfänglichkeit. Mit ihr sieht man den Text immer wieder anfangen, ansetzen. Der Langsamkeit eröffnen sich die leicht zu übersehenden Alternativen, also die weite Welt. Je langsamer ich reise, desto weiter reise ich. Langsames Lesen spürt die Widerständigkeit der literarischen Sprache, sucht deren Reichtum und die Schönheit. Hier wird ein kollektives gemeinsames Lesen gepflegt, jeder kann sich mit seinen Lese-Eindrücken und Erfahrungen einbringen, so ergibt sich eine Vielzahl an Perspektiven, aus denen ein Text betrachtet werden kann. Gemeinsam wird erkundet, was die Sprache tut, was angedeutet, verschwiegen, worauf hingewiesen wird. Es ist eine Leseforschung, eine sprachliche Detektivarbeit, die neugierig auf das Unerwartete ist.

Die Lesenden Künste suchen den Reichtum und die Schönheit des Widerständigen, des Flüchtigen, des Spiels, des Unfertigen und des Kaum-Verstehens. Die Lesenden Künste werden von Personen aus der Literatur, aus dem Schauspiel und der Musik vorbereitet. Die Lesenden Künste wollen zukünftig nicht nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz und damit in verschiedenen geistigen und geschichtlichen Räumen wirken, sondern auch Teilnehmende suchen, die mehrere Sprachen sprechen. Das Interesse an Übersetzbarkeit möchten wir fördern, an der Veränderlichkeit der Werke, an der Veränderlichkeit der Erkenntnisse.

Die Tage der Lesenden Künste

zu Karl Kraus‘ Die letzten Tage der Menschheit finden vom 24. bis 28. November 2021 statt

Im Mittelpunkt der Tage der Lesenden Künste steht die apokalyptische Theatervision Die letzten Tage der Menschheit, mit der Karl Kraus auf die Katastrophe des Ersten Weltkrieges antwortete. Karl Kraus bewegten Zorn und Ekel über die Kriegsmaschinerie. Zum ersten Mal verrieten sich Journalisten durch ihren Sprachgebrauch als Werkzeuge der Propaganda. Sich mit dieser Collage, einem Flechtwerk aus Dialekten, Dialogen, Monologen, Bühnenanweisungen, aus Gedichten und Gesängen zu beschäftigen heißt, sich mit der öffentlichen Sprache auseinanderzusetzen. Wie verhalten sich Sprache und Wirklichkeit zueinander, wo sind verbale Unsicherheiten, wo dominiert die Lüge und Phrase? Wo und wie wird die Sprache in Kriegszeiten demoliert, wo und wie drückt sich das Gewalttätigsein der Sprache aus: in der Phrase? Sein Werk fragt nach der Verantwortlichkeit, nach der Wörtlichkeit; Kraus weist nach, was wirklich gesagt wurde, denn über ein Drittel des Textes ist aus Zitaten montiert. Statt wegzuhören, hört er die Stimmen, die es gab. Die Poesie ist aufgerufen, auf die historische Situation zu reagieren.

 

mit
Peter Waterhouse, Schriftsteller und Übersetzer
Katharina Lütten, Schauspielerin
Thiemo Strutzenberger, Schauspieler
Michael Riessler, Klarinettist und Komponist

Zeit: 24. bis 28. November 2021

Ort: D-32816 Schwalenberg, Werkhaus, Marktstraße 13

Teilnehmergebühr: inkl. Verpflegung 200 €
Anmeldung und Buchung bis zum 30. Oktober 2021 unter reservierung@eu-lab.de

Wer die Teilnehmergebühr und die Unterbringungskosten wegen Ausbildungs- und Übergangszeiten nicht aufbringen kann, für den besteht die Möglichkeit, ein Stipendium zu beantragen, das die Teilnahme- und Aufenthaltskosten (Übernachtung im Gilde-Haus) deckt.
Anmeldung bis zum 30. Oktober 2021, Bewerbung mit einseitigem Motivationsschreiben und Lebenslauf bis 15. Oktober 2021 an: info@eu-lab.de

Informationen und Fragen zum Programm: info@eu-lab.de

Übernachtungsmöglichkeiten bieten Landhaus Klusmann, Bed and Breakfast Berggarten, Hotel Malkasten

 

 

Die Tage der Lesenden Künste werden gefördert von:

     

Wir danken:

         

 

VERGANGENE VERANSTALTUNGEN DIESER REIHE:

Robert Walser, Jakob von Gunten
31.10. – 03.11.2019, mit Peter Waterhouse, Jörg Partzsch, Brigitte Labs-Ehlert

Ingeborg Bachmann, Malina 
06.12. – 09.12.2018, mit Peter Waterhouse, Sebastian Rudolph, Maja Osojnik, Brigitte Labs-Ehlert

Inger Christensen, Det/Das 
23.11. – 26.11.2017, mit Peter Waterhouse, Barbara Nüsse, Sebastian Vogel, Thomas Kürstner, Brigitte Labs-Ehlert