Zwischenland

Das Europäische Laboratorium hat für 2021 zwei große Veranstaltungen geplant unter dem Titel Zwischenland: Zwischenland – das ist kein Grenzraum, sondern ein Begegnungs- und ein gemeinsamer Erfahrungsraum, neben der Mitte Europas eben auch die Ränder Europas, das Baltische Meer. Es sind Räume, die sich nicht von innen abschließen, sondern nach außen hin öffnen. Zwischenland bedeutet nicht Nation, sondern Kombination. Nachdem in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart eine Diskussion der jüngeren Künstler und Schriftsteller miteinander in Internetforen und auf Blogs stattgefunden hat und es neben der Korrespondenz auch gemeinsame, öffentlich einsehbare Schreib- und Literaturprojekte gab, gibt es jetzt den großen Wunsch nach realen Begegnungen und Treffen, aus denen sich auch gemeinsame Projekte entwickeln können. Denn die europäische Identität entsteht aus der Begegnung mit dem Anderen und erkennt damit das Eigene und das Fremde, das eigene Fremde, die eigene Fremdsprachigkeit.

1. Zwischenland im Lipperland (9. – 11. Juli 2021)
– Forum „Europäisches Alphabet der Wünsche“

Ein Kompendium von Ideen bringen die Schriftsteller aus Europa mit zum Forum „Europäisches Alphabet der Wünsche“. Gerade, weil Europa in der Krise ist, gilt es verstärkt, in einen offenen Dialog über Europa zu treten, über das, was Europa ausmacht, nicht nur zu sprechen, sondern gegen die Ratlosigkeit Ideen und Projekte zu entwickeln. Wie sieht das europäische Alphabet der Wünsche, Bedürftigkeiten und Versäumnisse aus? Wie lassen sich neben Statements und Verlautbarungen gemeinsame künstlerische Projekte initiieren und realisieren? Dieses Forum ist ein öffentlicher Denk- und Begegnungsort. Der Austausch über diese Gedanken ist so wichtig, nämlich zu erfahren, was ein in Litauen, in Slowenien oder in Dänemark lebender Schriftsteller uns und den anderen zu sagen hat, von welchen Geschichten und Erfahrungen erzählt wird.

Es sind Schriftsteller aus den Ländern eingeladen, zu denen es historisch und vor allem durch Literaten der Vergangenheit eine enge Verbindung zu Lippe gegeben hat. Dies waren Aufbrüche aus geistiger und materieller Enge und Not aus dem kleinen Territorium Lippe an die Ränder Europas, eigentlich immer ans Meer. Sie sind Zeugnis von Notzeiten, Kriegszeiten und gesellschaftlichem Umbruch, von Flucht, Armut und Aufbegehren: es sind die Hollandgänger und die Dänemarkfahrer – Ziegler und Kötter, es sind die Vormärzler und Demokraten Georg Weerth, Ferdinand Freiligrath und Malwida von Meysenbug, die nach England, Frankreich, Belgien, Italien aufbrechen, der Orientalist und Übersetzer Georg Rosen, der den Balkan bereist. Schriftsteller, die über das Baltikum nach Schweden ins Exil gehen oder Zuflucht in der Schweiz suchen. Es ist der überzeugte Europäer Harry Graf Kessler, der seinen Wahlkreis 1928 in Lippe hatte, und mit seiner Weimarer Cranach-Presse ein europäisches Künstlerprojekt realisierte und es sind die bedeutenden lettischen Schriftsteller Zenta Maurina und Jānis Jaunsudrabiņš, die nach dem 2. Weltkrieg Aufenthalt in Lippe nahmen sowie der litauische Schriftsteller Vydūnas (Wilhelm Storost).

Die eingeladenen Schriftsteller und Schriftstellerinnen kommen aus verschiedenen Bereichen Europas, sie verfügen in ihrem Land über eine wichtige literarische Stimme. Sie alle beschäftigen sich mit unserer Geschichte und der Zukunft in Europa. Die Literaten werden gebeten, einen Gegenstand, eine Erzählung, ein „Mitbringsel“ also aus ihrer Region mitzubringen und darüber zu sprechen: als etwas Besonderes, das wir kennen sollten und das nicht nivelliert werden darf. Außerdem geben sie eine Lesung aus ihrem Werk. Die Wünsche für Europa werden diskutiert und mögliche gemeinsame Projekte werden besprochen.

Veranstaltungsort:

Burg Sternberg, Sternberger Straße 52, 32699 Extertal

Freitag, 9. Juli 2021

18.00 Einführung: Brigitte Labs-Ehlert
Lesung: Erik Lindner (Niederlande), Zog (Sog), Gedichte
vorgestellt von Anna Eble

19.00 Lesung: Rasmus Nikolajsen / Julie Sten-Knudsen (Dänemark), Jeg fangede en svale (Ich fing eine Schwalbe. Gedichte); Landskabet, senere (Landschaft, später)
vorgestellt von Peter Urban-Halle
anschl. Die Hollandgänger und Dänemark-Fahrer. Literatur zu den Wanderarbeitern, gelesen von Saskia Mees
Musik: Kai Strobel, Perkussion

Samstag, 10. Juli 2021

11.00 Lesung Aleš Šteger (Slowenien), Nad nebom pod zemljo (Über dem Himmel unter der Erde), Gedichte
vorgestellt von Marica Bodrožić
musikalisch begleitet von Jure Tori, Akkordeon

14.30 Lesung Marica Bodrožić (Deutschland/Kroatien), Pantherzeit: Vom Innenmaß der Dinge, Prosa
vorgestellt von Aleš Šteger

16.30 Lesung Eugenijus Ališanka (Litauen), Exemplum (Exemplum), Gedichte
vorgestellt von Claudia Sinnig

19.00 Lesung Sema Kaygusuz (Türkei,) Acıyla Öğrenmek (Lernen mit Schmerz), Prosa
vorgestellt von Erhan Altan

20.00 Friedrich Rosen (Türkei/Litauen), Aufbruch und Sehnsucht in die Ferne,
gelesen von Bernt Hahn
Musik: Laima Jansone, Kokle

SOnntag, 11. Juli 2021

11.00 Podium: das Mitbringsel für Europa, Statements

12.30 Podium: die Wünsche für Europa, Diskussion
Moderation: Nico Bleutge, Michael Braun

 

Eintritt

für alle Veranstaltungen: 50 €

Freitag: 15 €
Samstag (11-18 Uhr): 15 €
Samstagabend (ab 18 Uhr): 15 €
Sonntag: 15 €

Ermäßigt: 30/10 €
bis einschl. 18 Jahre freier Eintritt

Anmeldung und Buchung über das Bestellformular oder über reservierung@eu-lab.de

Gefördert und unterstützt vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen, der Kunststiftung NRW, Westfalen Weser Energie, Javna agencija za knjigo Republike Slovenije / Slovenian Book Agency und Slowenisches Kulturzentrum, Deutsche Stiftung Musikleben. 

               

                   

In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Lippe-Ost

2. Zwischenland Baltikum (1. – 3. Oktober 2021)

Das Baltische Meer ist zugleich verbindendes und trennendes Element – war es in der Vergangenheit vor allem ein Hindernis, das es zu überwinden galt, ist es im Hier und Heute ein beweglicher Zwischenraum, der die Länder an seiner Küste auch historisch vereint. Denselben Namen wie das Meer trägt das Baltikum, ein Gebiet, das komplexen politischen Bewegungen ausgesetzt war und das selbst geographisch nur schwer zugeordnet werden kann. Das Baltische Meer bringt dabei nicht nur die baltischen Staaten untereinander zusammen, sondern bringt sie auch in Kontakt mit skandinavischen Ländern sowie mit Polen, Russland und Deutschland. Gerade mit Skandinavien fühlen viele Bewohner des Baltikums eine starke Verwandtschaft, es wird von den Ländern des Nordens gesprochen, junge Intellektuelle studieren überdurchschnittlich häufig in Norwegen oder Schweden, orientieren sich auch in der literarischen Landschaft vor allem gen Nordosten. In Estland wiederum wird keine baltische Sprache gesprochen, sondern eine, die das Land philologisch betrachtet näher an Finnland heranrückt. In Estland und Lettland gibt es zudem eine große russischsprachige Minderheit. – Ein Zerren und Drücken zwischen Gemeinsamkeiten und Trennendem; daraus entsteht eine Dynamik, die eine Identitätsbildung über Nationalstaatlichkeit infrage stellt. Während der Veranstaltung „Zwischenland Baltikum“ soll erörtert werden, wie das Verhältnis der baltischen Staaten untereinander und zu Europa ist. Dazu laden wir Schriftsteller und ihre Übersetzer aus Litauen, Lettland und Estland ein. Wie begegnen sich die Sprachen und die Kulturen und bereichern sich? Welche Sprachen werden in welchen Ländern gesprochen? Gibt es eine (historische) verbindende Sprache wie das „Sabir“ der See- und Kaufleute im Mittelmeerraum?

Das Baltische Meer ist schließlich wie das Mittelmeer ein Ort der Begegnung, der Austausch möglich macht: fließende Grenzen, die nicht sichtbar sind. Der Austausch, ein Wandern, hat immer auch am Festland stattgefunden – ist also in einer so beweglichen und transnationalen „Einheit“ wie dem Baltikum eine Zugehörigkeit basierend auf Nationalstaaten noch zeitgemäß? War sie es je? In der Literatur der baltischen Staaten nähern wir uns diesen Fragen an, diskutiert wird eine Zugehörigkeit, die nicht gegründet ist auf Herkunft, Religion, Sprache oder ethnischer Definition, sondern die individuell zustande kommt: im Schreiben und im Kontakt zu anderen Schreibenden.